Archive for the ‘Gesellschaft’ Category

Hörbuch “Ich habe den englischen König bedient”

Dienstag, Oktober 26th, 2010

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Anfangs hielt ich das Buch für eine Erzählung der launigen Lebensgeschichte eines etwas zu klein geratenen Jungen, der während seiner Lehrzeit vom Pikkolo zum Oberkellner erzählt.
Von einem reichen Hotelgast lernt er “Merk Dir, das Geld öffnet Dir den Weg in die ganze Welt.”
Er beobachtet das recht abstruse Treiben der reichen Hotelgäste, “der Reichen, die die Politik machen”. Zu seinem erklärten Lebensziel wird es, ein Millionär und Weltbürger zu werden.
Auf dem Weg dorthin erlebt er die abenteuerlichsten Dinge. Als er schließlich, durch den 2. Weltkrieg, Millionär geworden ist, muß er
während einer Internierung mit anderen Millionären,erkennen, daß die ihn nicht anerkennen, weil er Kriegsgewinnler ist.
Er begreift, daß er einem falschen Ziel hinterhergejagt ist.
In der Einsamkeit einer Bergwelt, wo er eine Straße fertigbauen soll, wird ihm klar, daß da etwas ist, daß stärker ist als Geld.
Es gelingt ihm endlich, sich von seinem falschen Ich zu befreien.
Ein unterhaltsam und locker zu lesendes Buch, in dem sich jede Menge philosophische Lebenseinsichten verstecken.
Ich kann es wärmstens empfehlen.

Hrabal, Bohumil:
Ich habe den englischen König bedient / Bohumil Hrabal. Gelesen von Wolfram Berger. Regie: Götz Fritsch
Gekürzte Lesung 
Hamburg: HörbuchHamburg, 2007
4 CD

Ulrike Andreae-Dorok

“Die Madonna mit dem Fischleib” von Stratis Myrivilis

Mittwoch, Oktober 6th, 2010

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Die Insel Lesbos in den 20er Jahren ist Schauplatz einer großen sozialen Katastrophe: Der türkisch-griechische Krieg 1921/22 bedeutet das Ende des Traums von Groß-Griechenland und alle kleinasiatischen Siedlungsgebiete mit jahrtausendealter hellenistischer Tradition sind verloren. Auch auf Lesbos, in Sichtweite der anatolischen Küste gelegen, stranden zahllose Flüchtlinge. Einheimische und Exilanten, Bauern und Fischer stehen vor umwälzenden Veränderungen.

Im Nordosten der Insel liegt auf einem gewaltigen Felsen im Meer die Kapelle der “Madonna mit dem Fischleib”, in der sich ein rätselhaftes Bild der Muttergottes befindet - zur Hälfte Madonna, zur Hälfte Nixe. Das Bild wird kultisch verehrt als “Allheilige Seejungfrau”, es verbindet antike und christliche Kultur.
Eine besondere Beziehung zu dieser Madonna hat das Mädchen Smaragdí, ein Findelkind, von dessen Herkunft man niemals etwas erfährt. Smaragdí ist ganz anders als alle Dorfbewohner, nicht nur wegen ihrer goldblonden Haare und meergrünen Augen. Für Nerantzi, die ihr einziges Kind verloren hat, wird sie zum Sonnenstrahl und bringt neues Leben und neue Gewohnheiten. Das Wasser ist Smaragdís Element - das Schwimmen im Meer bedeutet ihr höchstes Glück und sie geht vollkommen sicher mit dem Fischerboot um. Ihre Schönheit und Andersartigkeit gibt den Dorfbewohnern Anlass zu Gerüchten über ihre Herkunft. Ist sie ein Nixenkind? Die jungen Männer im Dorf sind ihr verfallen, doch sie weist alle ab - sie will frei sein, ein Unding in der patriarchalischen Gesellschaft. So wird sie mehr und mehr zur Fremden und weiß niemanden mehr, dem sie ihre Gefühle mitteilen kann …

Das Buch, das kunstvoll Mythisches mit Gegenwartsproblemen verbindet, ist ein Klassiker der neugriechischen Literatur. Es ist das letzte Werk (1949) des Schriftstellers Stratis Myrivilis (1890-1969), der im Bergdorf Skála Sikaminéas (wo sich die Kapelle Panagía Gorgóna befindet) auf Lesbos geboren ist.

Myrivilis, Stratis:
Die Madonna mit dem Fischleib
Zürich: Manesse-Verl., 2001

vorgestellt von Diwien

“Salvador und der Club der unerhörten Wünsche” von Alberto Torres Blandina

Donnerstag, August 5th, 2010

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Amüsant und voller Leidenschaft - ein bezauberndes Buch, das die Welt neu erfindet.

Der alte Salvador kümmert sich nicht nur um die Sauberkeit des Flughafens. Er plaudert mit den Wartenden, gibt Ratschläge, flirtet mit der Frau vom Kiosk, und immer wieder erzählt er  die unglaublichsten Geschichten. Wie die vom Club der unerhörten Wünsche, die den Mitgliedern als Wilkommensgeschenk die große Liebe verspricht.

“….eine Ode an die Stille Reise, die man durch Fantasie und Träume viel mehr als durch jedwelche geographische Fortbewegung erreicht.”  MAGAZINE LITTERAIRE

Aberto Torres Blandina

‘Salvador und der Club der unerhörten Wünsche’, gelesen von Stephan Benson

Hörbuch, gekürzte Lesng mit ca. 316 Minuten, Random-House-Audio

Subjektiver Kommentar von Claudia Schulenburg

Salvador ist eine  skurrile Type. Er hat für jedes Land, jede Begnung mit anderen Menschen eine Geschichte zu erzählen hat und diese schweift manchmal ins Unendliche ab. Trotzdem fügt sich am Ende alles zu einer überraschungen Wende zusammen.

“Das wilde Kind” von T. C. Boyle

Freitag, Juni 18th, 2010

Das wilde Kind / T.C. Boyle

Seit Mitte des 18. Jahrhunderts Carl von Linné in seiner “Systema natura” den “Homo ferus” als eine Unterart des Homo sapiens” einfügt, ist das Interesse an “Wolfskindern” groß, und so ist es kein Wunder, dass sich die Wissenschaft auf den Jungen stürzt, der 1798 im Languedoc eingefangen wird: Offenbar hat er jahrelang allein in der Wildnis gelebt, nichts ist über seine Herkunft bekannt. Man weiß nicht, ob man ihn für ein Tier in Menschengestalt halten soll. Er wird in einem Pariser Taubstummeninstitut untergebracht, dort experimentiert ein Professor der Naturgeschichte mit ihm, verliert aber bald das Interesse und erklärt das Kind für schwachsinnig und taubstumm. Niemand beschäftigt sich mit dem Jungen, die anderen Kinder im Institut quälen ihn. Erst dem jungen Arzt Itard gelingt es, eine Beziehung zu dem Jungen herzustellen, und er sorgt dafür, dass sich das Hausmeisterehepaar des Instituts um ihn kümmert. 5 Jahre ist der Junge, der den Namen Victor bekommt, nun das Untersuchungsobjekt des Arztes. Plötzlich hat das “wilde Kind”, das nicht spricht, sich bisher nur auf das Überleben in der Wildnis konzentriert hat und dessen größtes Interesse dem Essen gilt, ein Programm: Warme Bäder und Massagen sollen sein Körperbewusstsein fördern, er soll lernen, Dinge zu erkennen und sie Bildern, dann auch Wörtern zuzuordnen - sehr anstrengend und verstörend für ihn. Bald gibt es Schwierigkeiten: Als Victor auf einer eleganten Gesellschaft vorgeführt wird, rastet er aus und blamiert den jungen Arzt. Die Pubertät macht ihn verwirrt, ängstlich und wütend. Eines Tages muss Itard erkennen, dass er nicht weiter kommt, und so beendet er den Unterricht. Victor wird nicht mehr beachtet, er entwickelt sich zurück, nur doch die Hausmeisterin Mme. Guérin sorgt für ihn: “Einst war er die Sensation von Paris gewesen, doch nun war er vergessen; auch sein Name - Victor - war vergessen.”

T.C. Boyle erzählt diese wahre Geschichte, indem er immer wieder einen Blick in das Innere dieses Menschen versucht, was natürlich nicht gelingen kann - niemand kann Victor, den Außenseiter, erreichen. Das macht das Buch aber gerade reizvoll.

T.C. Boyle:
Das wilde Kind
München: Hanser, 2010

empfohlen von Dascha